Digitalisierung – „Wir Fingerwesen“

In seinem Gastkommentar in der NZZ vom 23.6.2018 „Wir Fingerwesen“ fragt Manfred Schneider:

Welches drängende politische oder soziale Problem werden die Digitalisierung oder die künstliche Intelligenz lösen?

„(…) Inzwischen kann man die Zehnjährigen fragen, was die wichtigste politische Aufgabe unserer Zeit sei, und sie werden antworten: Digitalisierung. Es ist die Ideologie unserer Tage. Gewiss leiden manche Unternehmen und Betriebe darunter, dass ihnen kein schnelles Internet zur Verfügung steht.

Hier ist der Staat sicher gefordert. Aber ist ruckelfreies Streamen von Netflix-Serien in U-Bahnen ein Menschenrecht? Aus einer gleichen Verblendung kommt der Glaube, dass Europa technologisch zurückfiele, wenn es nicht auch politisch die künstliche Intelligenz fördert. Liebe Zeitgenossen und politischen Meisterdenker: Welches drängende politische oder soziale Problem werden die Digitalisierung oder die künstliche Intelligenz lösen?

Werden sie Wohnungen bauen, den allgemeinen Bildungsstand erhöhen, die verseuchten Meere reinigen, die Halbwertszeiten des Atommülls verkürzen, die Migrantenströme an ihren Ursprung zurücklenken, den Populisten das Maul stopfen und die Diktatoren ins Gefängnis bringen? Werden sie die Gletscher und das arktische Eis wieder gefrieren lassen, die Kindersterblichkeit senken, die versunkenen Salomonen-Inseln noch einmal auftauchen lassen, werden sie den Millionen jugendlicher Arbeitsloser helfen, werden sie den Hunger stillen? Werden sie den Verfall unserer politischen Institutionen aufhalten? Ach, und werden sie jemals den Tomaten ihren Geschmack zurückgeben? (…)

Die digitale Welt lässt sich nicht rückgängig machen. Wir könnten aber nach der Erleuchtung tasten, dass all dies keinen Fortschritt bringt, sondern nur noch Erleichterung. Und dass die Erleichterung unser seliges Ende sein wird. Aber was soll die Politik tun? Sie soll die natürliche Intelligenz und die Verantwortung für den Globus fördern.

Martin Luthers Problem war nicht die Frage: Wie komme ich ins Internet? Sondern: Wie komme ich ins Himmelreich? Wir sind im Begriff, das Internet und seinen Komfort mit dem Himmelreich zu verwechseln.“

Manfred Schneider ist emeritierter Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

Aus dem NZZ-E-Paper vom 23.06.2018